Vor-Ort-Termin im Museum Utopie & Alltag
Landkreis und Stadt starten gemeinsamen Entwicklungsprozess
Der Landkreis Oder-Spree und die Stadt Eisenhüttenstadt wollen die Perspektiven für ein zentrales Kulturprojekt der Region neu bündeln: das Museum Utopie und Alltag. Das Museum vereint das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt und das Kunstarchiv Beeskow und bewahrt damit einen außergewöhnlich umfangreichen Bestand zur Kulturgeschichte der DDR – darunter rund 170.000 Objekte der Alltagskultur sowie 18.500 Kunstwerke.
Der Standort Eisenhüttenstadt ist dabei selbst Teil des Konzepts: Das Museum liegt mitten in der einst als „erste sozialistische Stadt“ konzipierten Planstadt – heute eines der größten zusammenhängenden Flächendenkmale Deutschlands. Das Museumsgebäude entstand 1953 als Kinderkrippe und ist unter anderem durch ein frühes Buntglasfenster von Walter Womacka geprägt.
Besucherinnen und Besucher erleben Geschichte hier nicht nur über Texte, sondern über Dinge, Bilder und Räume: In der Dauerausstellung „Alltag: DDR“ führt das Museum in zehn Räumen durch Alltag, Politik und Gesellschaft der DDR – ergänzt um Medien- und Interviewstationen. Aktuell zeigt das Haus zudem die Sonderausstellung „Fremde Freunde. Völkerfreundschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit“ (26. April 2025 bis 7. Juni 2026).
Zum Auftakt des Vor-Ort-Termins schilderte Museumsleiterin Christine Gerbich eine kleine Begebenheit, die schnell zum Kern des Gesprächs führte: Bei einer Veranstaltung rund um „Zwischen Baum und Borke – Aufgewachsen in Stalinstadt“ traf sie den neuen Bürgermeister Marko Henkel im Haus – just in dem Moment, als der zentrale Fahrstuhl im Hauptgebäude seinen Dienst quittierte. Für ein Museum, das auf Zugänglichkeit und Vermittlung setzt, wäre ein längerfristiger Ausfall eine deutliche Einschränkung – und er steht exemplarisch für den umfassenderen Sanierungs- und Entwicklungsbedarf.
Im Austausch zwischen Bürgermeister Marko Henkel, Landrat Frank Steffen, Museumsleiterin Christine Gerbich, Kurator Axel Drieschner, der Dezernentin für Jugend, Soziales und Kultur Katja Kaiser und dem Beigeordneten Ralf Steinbrück (Dezernat II, Innenverwaltung, Bauen, Kreisentwicklung) sowie den Stadtentwicklern Michael Reichl und Michael Reh und dem Kulturamtsleiter Arnold Bischinger wurde deutlich: Die inhaltliche Nachfrage nach dem Museum wächst – gleichzeitig stoßen Gebäude, Depotflächen und organisatorische Abläufe an Grenzen.
"Das Museum verfügt über eine besondere, partizipativ entstandene Sammlung: Gesammelt wurde vielfach, was Menschen als bewahrenswert empfanden – ein Ansatz, der Geschichte aus vielen Perspektiven rekonstruierbar macht und zugleich großes Potenzial für Forschung, Bildung und gesellschaftlichen Dialog bietet.", so Christine Gerbich. Genau dieses Wachstum wird jedoch durch Platzmangel gebremst: In Eisenhüttenstadt beanspruchen etwa Möbelbestände große Teile der Depotkapazitäten, und die Depotsituation gilt seit Jahren als problematisch – sowohl für die Objekte als auch für die Arbeitsorganisation.
Ein gemeinsamer Wunsch vieler Beteiligter ist eine sichtbare Neuausrichtung in den kommenden Jahren. Als Zielmarke steht dabei 2029 im Raum: Christine Gerbich hatte bereits zu ihrem Amtsantritt betont, die Planungen für eine neue Basisausstellung entschlossen angehen zu wollen, die „in Teilen 2029 eröffnen soll“.
Klar ist zugleich: Dafür braucht es belastbare Konzepte – auch, um Förderprogramme nutzen zu können. Arnold Bischinger verwies im Gespräch darauf, dass Förderwege zwar Chancen eröffnen, in der Regel aber nur mit tragfähigen Projektideen und einem zu stemmenden Eigenanteil. Auch das Land Brandenburg hat Interesse an einer perspektivischen Weiterentwicklung signalisiert; zugleich wurde die Notwendigkeit unterstrichen, die Voraussetzungen für eine nachhaltige Lösung der Raumfrage zu schaffen.
Hinter der Raumfrage verbirgt sich eine besondere Brisanz: Es fehlen vor allem Veranstaltungsräume betont Christine Gerbich, die es ermöglichen Angebote für Kinder und Jugendliche, Schul-, Touristen- und Seniorengruppen nachhaltig zu etablieren. Auch Forschende, die längere Aufenthalte planten, fänden aktuell nur mäßig attraktive Rahmenbedingungen vor. Und Anfragen dieser Art gibt es nicht wenige.
Als naheliegende Option wurde unter anderem der Umbau bzw. die Einbindung eines benachbarten Objektes (Wochenkrippe) diskutiert. Entscheidend wird sein, wer die Projektverantwortung übernimmt, welche baulichen und inhaltlichen Ziele priorisiert werden – und wie Finanzierung und Trägerschaft konkret organisiert werden können.
Der Landkreis sieht den Termin als Startpunkt für ein strukturiertes Vorgehen: In der Verwaltung könnte ein klarer Projektauftrag definiert werden – mit Zuständigkeiten, Zeitplan und einem „Kick-off“, der die konzeptionellen Grundlagen schafft. Von Seiten der Stadt wurde aufgenommen, eine Bestandsanalyse zu prüfen (Gebäudesituation, mögliche Flächen, stadtentwicklerische Optionen). Ziel ist es, aus Provisorien herauszukommen und den Kreislauf zu durchbrechen, bei dem fehlende räumliche Perspektiven wiederum Förder- und Ausstellungsperspektiven ausbremsen.
Dreiklang mit Potenzial: Museum, Stadt, Stahlwerk
Ein weiterer Fokus: die kulturelle Besonderheit Eisenhüttenstadts als Planstadt und "Kulturerbe" stärker zu nutzen. Im Gespräch wurde der „Dreiklang“ Museum – Stadt – Stahlwerk als Entwicklungsidee beschrieben: Orte, die sich gegenseitig befruchten und gemeinsam Anziehungskraft weit über die Kreisgrenzen hinaus entfalten könnten.
Datum: 28. Januar 2026